Resmi Ali Baba aus Kreta (18. Jhd.) und seine Sufi-Methodik

Von Dr. A. Yilmaz Soyyer (Aus dem Englischen übersetzt und Erläuterungen von Timuray)

Teil1...

Der Bektashi Shayh Giritli Ali Resmi Baba lebte im 18 Jhd. Auf der letzten Seite des Risâle-i Lâhutiyye (Die göttliche Abhandlung), welches von Shayh Sirr-i Rifâ’i und Badr ad-Din Halvêtî kommentiert wurde, steht folgende Anmerkung: „Resmi Ali Baba: 1204 Hijra (1789 n. Chr.).“ Dieses Datum bezieht sich vermutlich auf das Datum als Giritli Ali Baba verstarb. Es ist interessant, dass der Rest des Manuskript Bektashi erkânlar (Zeremonien), gülbengs („Rosenruf“, Gebete im Imperativ), Symbole und andere Rituale beinhaltet.
Über sein Leben ist nicht viel bekannt. Jedoch kann man sicher annehmen, dass dieser ursprünglich von der griechischen Insel Kreta abstammt. Auf der letzten Seite seines Werkes Uyûn al-Hidâyat (Die Quelle der Rechtleitung), schreibt Giritli Ali Baba, dass er ein Diener (bende) von Seyyid Ali Sultan ist. Es existiert sogar in seinem Divan (Poesie Sammlung) ein Gedicht für einen gewissen Ali Sirrî Baba vom Kizil Deli Ocak aus Dimetoka.

Uyûn al-Hidâyat ist in Bektashi Kreisen ein bekanntes und oft gelesenes Buch. Der letzte Dedebaba der Babagan Bektaschiten in der Türkei, der Dozent Dr. Bedri Noyan (gest. 1997), zitierte sogar eine Passage von Giritli Ali Baba in seinem multibändigem Werk Bütün Yönleriyle Bektaşîlik ve Alevîlik.

Giritli Ali Baba erläuterte weitgehend seine spirituelle Philosophie in Uyûn al-Hidâyat. Sie basiert auf Liebe zur Ahl ul-Bait (a.s.) und auf Wahdat al-Wujud (Einheit des Seins).

Giritli Ali Baba’s Überzeugung bezüglich der hohen Stellung der Ahl ul-Bait (a.s.) und deren Notwendigkeit



Laut Uyûn al-Hidâyat ist der erste Schritt zum Sufismus ein initiertes Mitglied, als Murid oder Talib, in einem Orden (tariqa) zu sein. Der Murid muss ausserdem eine tiefe Liebe für die Ahl ul-Bait (a.s.) empfinden. Falls der Murid kein Seyyit ist (Nachfahre des Propheten Muhammad (s.a.a.) ), so hat der den gleichen Grad wie Kamber oder Salman, welche auch keine Nachfahren der Ahl al-Bait, aber deren treue Gefolgsleute gewesen sind. Wenn der initierte Novize die Ahl ul-Bait (a.s.) liebt, so reflektiert diese/r die Persönlichkeiten von Kamber und Salman-i Farsi. Andernfalls wenn jemand keine Liebe für die Ahl ul-Bait (a.s.) hegt, so ist diese Person gleichzustellen mit Yazid und Mervan, dessen Feindschaft zum Islam und der Familie des Propheten (s.a.a.) unumstritten sind. Solche Menschen sind Ungläubige und fasid (verdorben, schlecht). Ali Baba betonte die Liebe zu Ahl ul-Bait (a.s.) (tawalla) und die Abneigung zu deren Feinden (tabarra) unter religiösen Gesichtspunkten als absolut notwendig (wajib)[1].
Falls jemand Smypathie zu Yazid hegt, so ist dessen Rang der eines Häretiker (munafiq), Ungläubigen und Götzendiener (mushrik), Tyrann (zalim) und Mörder (qatil).
Ali Baba billigte nicht die Art der Initiierung anderer Sufi Orden, indem sie dem Novizen die Kalimat ut-Tawhid („Es gibt keinen Gott ausser Allah.“) aufsagen liess anstelle der Wichtigkeit des tawalla-tabarra. Denn laut Ali Baba kann sogar jede Mutter ihrem Kind das Rezitieren des Einheitsbekenntnisses lehren. Ein Murshid jedoch muss dem Murid während der Initiierung die Notwendigkeit des tawalla-tabarra deutlich darauf aufmerksam machen und diesen dem nach anweisen.

Giritli Ali Baba führte diese Ansicht zurück auf die Initiierung (Bay’at) der Sahabis durch den Propheten Muhammad (s.a.a.). In seinen Aufzeichnungen zitiert er Verse aus dem Qur’ân, um seine Ansicht zu begründen: „Wahrlich, diejenigen die dir huldigen – sie huldigen in der Tat nur Allah. Die Hand Allah’s ist über ihren Händen. Und wer daher den Eid bricht, bricht ihn nur zum eigenen Schaden. Dem aber, der das hält, wozu er sich Allah gegenüber verpflichtet hat, wird Er einen grossen Lohn geben.“ „Allah ist wohl zufrieden mit den Gläubigen, weil sie dir unter dem Baum Treue gelobten; und Er wusste, was in ihren Herzen war, dann sandte Er Ruhe auf sie hinab und belohnte sie mit einem Sieg.“ (48. Sure Fath, Verse 10 und 18)Giritli erwähnte, dass jener „Baum“ (Ridwan) der Olivenbaum sei, welcher weder vom Osten noch vom Westen ist. Es ist der Baum der Menschlichkeit Shajarat ul-Insaniyyah.
Der Treueeid, welches dem Propheten (s.a.a.) (und somit dem Murshid) gegeben wurde, ist der erste Schritt zur Vollkommung des menschlichen Wesen. Der Murid muss sich dem Murshid bedingungslos ergeben. Giritli Baba unterstreicht die Wichtigkeit der Aussagen des Murshid, welcher genau so wie der Prophet (s.a.a.) nicht aus eigener Laune sondern durch göttliche Fügung spricht, indem er folgenden Vers aus dem Qur’ân heranzieht:
„Beim Stern, wenn er heruntersaust! Euer Gefährte (Muhammad) ist weder verwirrt, noch ist er im Unrecht, noch spricht er aus Begierde. Vielmehr ist es eine Offenbarung, die (ihm) eingegeben wird. (53. Sure Nadschm, Verse 1-4)

In seiner Methodik veranschaulicht er die äusserste Wichtigkeit und Grösse eines Murshid. Den richtigen Meister gefunden zu haben und diesem Gehorsam zu leisten, ist weit aus bedeutender als die Rechte der Eltern zu wahren. Falls eine Person nur den religiösen Sitten der Eltern „von Haus aus“ folgt, so besteht die Gefahr eingeschränkt zu sein, wie ein Küken in einem Ei. Wenn jemand aus diesem Ei schlüpft und ein freier Vogel sein möchte, der muss sich „neue Eltern“ suchen, um von denen erzogen und angewiesen zu werden. Interessanterweise zitiert Giritli Baba ein Ausspruch von Jesus (a.s.): „Wahrhaftig, wenn jemand noch nicht wiedergeboren wurde, kann dieser nicht das Königreich Gottes sehen.“ Die Bektashi Initiierungszeremonie (Ikrar-i Jam) symbolisiert die Neugeburt[2].

Giritli Baba schreibt, dass der Prophet (s.a.a.) das Haupt bzw. der Anfang der Bektaschi silsilah ist (Kette der Initiierung und des Wissen um den mystischen Pfad). Als Beispiel gibt er ein Hadith ul-Qudsi, ein ausserkoranisches Wort Gottes: „Oh Muhammad! Wärest Du nicht gewesen, so hätte ich die Welt nicht erschaffen!“. Muhammad (s.a.a.) ist der „Liebling“ Gottes (Mahbûb-î Khudâ), der im Qur’ân als der Gepriesene und als Rahmat ul-Alameen erwähnt wird.

Verblüffenderweise verband Giritli Baba die ersten drei Kalifen in seine Auslegung der Mystik. Man nimmt an, dass er höchstwahrscheinlich gezwungenermassen Taqiyya (Verstellung) angewendet hat, um den Sunni Osmanen nachzugeben. Nachdem er die ersten drei Kalifen mit den Propheten Noah (a.s.), Musa (a.s.) und Jesus (a.s.) verglich, enthüllt er in Ali (a.s.) Adam’s (a.s.) Charakteristik als Erde, sprich Menschlichkeit[3].Während der Prophet Muhammad (s.a.a.) die seelische Manifestation Adam’s (a.s.) ist.

Selbstverständlich hat der Cousin des Propheten (s.a.a.) Ali bin Abu Talip (a.s.) einen partikulären Platz bei Giritli Ali Baba. Laut ihm, hat Allah (c.c.) selbst Hz.Ali (a.s.) als den Löwen Gottes auserchoren, und über ihn Verse gesandt.

Zudem zitiert er Ahadith und Qur’ân-Verse über die Tugenden Imam Ali’s (a.s.) bzw. Ahl al-Bait, wie z.B. „Lâ fata ila Ali! Lâ sayfa ila Dhû’l-Fiqar!“ (Es gibt keinen Tapferen als ’Ali, und kein besseres Schwert als das Zulfikar), oder das allbekannte „Tor zur Stadt des Wissens“, „Oh Ali! Deine Seele ist meine Seele, dein Fleisch ist mein Fleisch, und dein Blut ist auch mein Blut!“, und 33. Vers der Sure Ahzab: „Oh Ahl ul-Bait! Allah will nur jegliches übles von euch verschwinden lassen und euch stets in vollkommener Weise rein halten.“ Um den Anspruch der 12 Imame (a.s.) zu beweisen, zitiert er zahlreiche Ahadith, über die 12 Kalifen, die nach den Propheten (s.a.a.) kommen, oder wo er (s.a.a.) sogar die Namen der 12 Imame offen aufzählt, und den letzten Imam als den al-Mahdi (möge er bald erscheinen).

Erläuterungen:
[1]Siehe Qur’ân: Surah "asch-Schûrâ" (42): Vers 23

[2]Ein Gedicht von Edip Harabi (gest. 1917):
„Berzahten kurtuldum çıktım aradan,
Onyedi yaşında doğdum anadan,
Muhammed Ali Hilmi Dede Babadan,
Çok şükür hamd olsun geldim imkâne.”

Ungefähre Übersetzung:
Ich löste mich vom barzah (Zwischenwelt)
Mit 17 Jahren kam ich auf die Welt
Durch Muhammad Ali Hilmi Dedebaba
Gott sei Dank, bin ich nun in der Kontingenz!

[3]Hz. Ali’s Beiname lautet Abu Turab, Vater der Erde

Keine Kommentare: