Muhammed Ali Hilmi Dedebaba (1842-1907)

Muhammed (Mehmed) Ali Hilmi Dedebaba war einer der wichtigsten und namhaftesten Grossshayhs des 19. Jhd. in der Bektashitradition.
Mehmed Ali Hilmi wurde 1842 in dem Istanbuler Wohnviertel Sultanahmed geboren. Ali Hilmi’s Vater war Hafız Osman Nuri Efendi, welcher ein Prediger in der Sultanahmed Moschee in Istanbul gewesen ist, und seine Mutter war Hacı Emine Şerife Hanım. Hafız Osman erhielt den Nakshi Ijâzah von einem Bektashi Baba namens Seyyid Mustafa Baba Efendi der gleichzeitig in der Nakshibendi Khaniqa in Olukbayır (Çırçır) aufzufinden war.
Im selben Jahr liessen sich er und seine Gattin Hacı Emine Şerife Hanım von Hacı Hasan Baba aus Istanbul in den Bektashi Orden initiieren.
Ihr Sohn Mehmed Ali Hilmi war seit Kindesalter den Nakshibendi Orden bei Üsküdar (Balaban) verbunden. Er lernte das Religionsgesetz (Shari’a) und den Pfad der mystischen Lehre (Tariqa) auf recht hohem Niveau. Seine besondere Begabung schnell zu lernen, wurde für ihm zum grossen Vorteil. von Hacı Hasan Selanik-i Dedebaba zum Şahkulu Khaniqa in Istanbul gebracht, wurde er mit 15 Jahren ebenfalls wie seine Eltern von Hacı Hasan Baba in den Orden aufgenommen. Er durchwanderte die Stufen der Bektashiyya sehr zügig, und wurde bald mit 19 Jahren traditionell zum Derwisch initiiert. Nur ein Jahr später (1862), während der Zeit des Dedebaba Turabi Ali, erhielt er unter der Führung von Haci Mehmed Tahir Baba sein Ijâzah als „Baba“ (d.h. Shayh) und wurde als grade ein 21 jähriger junger Mann dem darauf folgendem Jahr dem Sahkulu Khaniqa als Vorsteher (Postnişin [1]) zugewiesen.
Dann im Jahre 1870 erhielt Mehmed Ali Hilmi sein „Khalifa Baba“ Ijâzah von Dedebaba Hacı Hasan im Pir-Evi unter der Leitung von Baba Mehmed Yesari. Zu dem Zeitpunkt war Muhammad Ali Hilmi Baba mal grade 28 Jahre alt gewesen, und hatte schon den Status eines Stellvertreters des Dedebaba! Damit ging er als der jüngste Khalifa Baba in die Geschichte des Bektashi Orden ein. Mit einem Vierzeiler beschrieb Ali Hilmi Dede seine Emotionen: „Allah’a hamd olsun ki devrimi tamamladım ve Pirim bağışı ile, ey Hilmi, dört kez anadan doğdum.“[2]
(„Gott sei Dank habe ich meinen Zyklus vollendet, und durch die Gnade meines Pir’s, oh Hilmi, wurde ich viermal geboren.“)
Die Eltern von Ali Hilmi, verstarben 1898 (Emine Hanım) und 1908 (Hafiz Osman).
Muhammad Ali Hilmi Dedebaba leistete 22 Jahre lang seinen Dienst als Postnişin [1] des Şahkulu Khaniqa und als Dedebaba. Er war ein Fachmann auf dem Gebiet der Koran-Exegese, Hadithwissenschaft, Theologie und in der Jurispudenz der Ja’fari Rechtsschule gewesen. Natürlich war er genauso ein grosser Sufi und Dichter. Er beherrschte fliessend arabisch, albanisch und die französische Sprache. Seine Dienste waren sehr wertvoll für die Bektashi Tradition gewesen, u.a. liess er vom Balkan bis Ägypten Bektashi Khaniqas restaurieren und setzte allein-gelassene Khaniqas wieder in Gang.
Einer seiner Novizen bzw. Murid war z.B. der bekannte Dichter Ahmed Edip Harabi gewesen, welcher über seine Initiierung durch Ali Hilmi Dede folgende Verse verfasste:
„Berzahten kurtuldum çıktım aradan,
Onyedi yaşında doğdum anadan,
Muhammed Ali Hilmi Dede Babadan,
Çok şükür hamd olsun geldim imkâne.”
(Ich löste mich vom barzah
Mit 17 Jahren kam ich auf die Welt
Durch Muhammad Ali Hilmi Dedebaba
Gott sei Dank, bin ich nun in der Kontingenz!)
Mehmed Ali Hilmi Dedebaba verstarb 1907, und wurde in Göztepe am „Hügel des Gözcü Baba“ bestattet.
Ahmed Mehdi Baba brachte 1908 einen sogenannten Diwan (Poesie Album) mit Gedichten und Ghazellen des Ali Hilmi Dedebaba heraus.
Hier ein paar Auszüge aus dem Diwan:
Ich sah in den Spiegel,
und erblickte ’Ali.
Richtete meine Blicke auf mein Selbst,
und erblickte ’Ali.
Mit Adam und Eva,
Mit der Sphäre und den Namen*
Mit dem Himmel und dem Semah
Ich erblickte ’Ali.
Er ist Jesus, der Ruhullah**
Er ist der Zufluchtsort für die Gläubigen,
Er ist der König im Dies- und Jenseits,
… und ich erblickte ’Ali.
*wahrscheinlich meinte Ali Hilmi Dedebaba jene Namen die Adam gelehrt wurden.
**Ruhullah = Geist Gottes
Erkenne Deine Fehler und sei vernünftig,
Lauer nicht auf die Fehler der anderen,
Betrachte die 73 Nationen*** mit gleichen Augen,
Gott hat sie erschaffen und geliebt, oh Herz sei nicht dagegen!
Sei nicht treulos und tratsche nicht,
Verletze niemandes Herz auf dieser Welt,
Irre Dich nicht, Besseres zu zerstören,
Lass warme Gefühle nicht zu Eis werden.
Verachte niemanden, seien es Kızılbaş oder Akbaş****,
Bringe Dich nicht selbst ins Feuer,
Schiebe Deine Fehler nicht auf andere,
Streue kein Salz in offene Wunden, oh Herz! [3]
***Nationen (Millet) = steht für alle Menschen; könnte aber auch die 73 Gruppen innerhalb des Islam symbolisieren
**** Kızılbaş = Rothaupt andere Bez. für Aleviten, Akbaş = Weisshaupt
Wir sind die Asketen Mustafa’s, die Anhänger Hussayn’s,
Wir sind die muhib² Murtaza’s, die Anhänger Hussayn’s,
Wir lassen uns opfern aus Liebe zu dem König der Märtyrer,
mögen unsere Seelen für Karbala hingegeben werden, wir sind die Anhänger Hussayn’s,
Was wäre doch wenn Feinde unsere Körper verletzen,
Berauscht von dem Wein, wir sind die gequälten Anhänger Hussayn’s,
Unsere Brust ist das Ziel für die verfluchten Pfeile der zâhida’s,
voller Kummer und voller Leid, wir sind die Anhänger Hussayn’s,
Unsere ehrenvolle Krone vorgetragen, zu Ehren der 5 Leute des Umhangs³,
Derwische der Tür des Wohlgefallen, wir sind die Anhänger Hussayn’s,
Hacı Bektaş-ı Veli ist unser Pir*, oh Hilmi Dede,
Wir sind die Dienstboten der Familie des Mantels**, wir sind die Anhänger Hussayn’s.
²muhib = Liebende, Treue
König der Märtyrer = Imam Hussayn (a.s.)
Zâhida = Feinde der Achlebait, Heuchler, Hinterhältige
³Ahl Kîsa = Achlebait (a.s.); die Krone (tâj’) ist im Sufi Orden ein Zeichen des titulierten Ranges und bezieht sich somit nicht auf Weltliches.
*Pir = Ordensgründer
**Âl-i abâ; die Achlebait (a.s.) im Koran 33:33
Quellen und Erläuterungen:
Muhammed Ali Hilmi Dedebaba Divanı
Şevki Koca
[1] Postnişin wörtl.: “Wer auf dem Fell sitzt”; damit ist der Vorsteher einer Tekke, Khaniqa (Dergâh) gemeint.
[2] Die erste Geburt ist die menschliche Geburt gewesen, die 2. Aufnahme in den Ordensweg; die dritte Geburt seine Ijazah als Baba, die Stufe des Khalifa Baba symbolisiert die vierte Geburt.
[3] Übersetzung aus: Ali Duran Gülçiçek, „Der Weg der Aleviten (Bektaschiten), S. 180, Vlg: Ethnographia Anatolica

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