Warum Bektaschi? - Teil 2 [Aktives zuhören]


وَإِذَا قُرِئَ الْقُرْآنُ فَاسْتَمِعُواْ لَهُ وَأَنصِتُواْ لَعَلَّكُمْ تُرْحَمُونَ

Und wenn der Koran verlesen wird, so hört zu und schweigt, 
damit ihr Barmherzigkeit findet. 
(A'râf: 204)


Sehr geehrte Leser,

wie manch' einer sicherlich festgestellt, knüpft der Schreiber dieses Blogs öfters an Postings, welche lange Zeit schon vorher verfasst wurden. Auch dieser Artikel ist eines von erwähnter unkonventioneller Natur. 
Es ist zwar nicht zwingend erforderlich, den 1. Teil der Reihe "Warum Bektaschi?" zu lesen, jedoch für den neugierigen und interessierten Leser nicht vorzuenthalten:

Das Thema, welches wir uns nun widmen möchten, ist eines der Disziplinen auf dem Pfade des Bektaschi-Ordens: das aktive Zuhören.

Wenn Islam "Ergebung unter dem Willen [iradah] Gottes" bedeutet, so muss diese Ergebung mit der Einkleidung mit dem Namen Gottes al-Murîd zusammenhängen. Auch wenn der das Attribut "al-Murîd" nicht in der klassische Aufzählung der 99 Namen Gottes aufzufinden ist, so sind sich die Mystiker im Islam einig, dass auch der Name "al-Murîd" (so wie auch beispielsweise El Mütekellim – El Mevcud – Eş Şey – El Ezel) zu den Eigenschaften Gottes gehören.

Um die "Ergebung unter dem Willen Gottes" zu verwirklichen, muss der Wille des Einzelnen (Murîd) vorhanden sein. Die Verwirklichung manifestiert sich der Symbolik des Weges (Tarîqah), welches aus den verschiedenen Stufen und Schritte besteht, die zu Gott führen.

Um den geistigen Pfad zu betreten, braucht der Novize (Murîd) einen geistigen Wegweiser (Murshid), der ihn durch die diversen Stationen (beg-)leitet und ihm den Weg zum Ziel zeigt.

Was hier missverstanden werden kann, ist die angebliche Rolle des "vorkauenden" Meisters. Der Meister ist -um dies mit einem "modernen" Terminus zu betonen- ein Berater! Der Novize muss gewisse Fähigkeiten besitzen und anwenden, um den Pfad zu wandern: das aktive Zuhören.

Das Zuhören ist zwar nicht die einzigste Disziplin, dennoch aber eine sehr wichtige! 

An dieser Stelle möchten wir kurz zwei Mystiker (wenn auch keine Bektaschis) aus Anatolien zitieren:

Das Derwischtum ist ein sehr leichter. mit Stationen verknüpfter Weg... 
für denjenigen, der zuhört!
Das Derwischtum ist ein sehr schwieriger und problematischer Weg... 
für denjenigen, der nicht zuhört!
Pîr Nurreddîn Cerrahî (18. Jhd.)

Was soll ich demjenigen lehren, dessen Geist und Herz, nicht die Leistung 
und dessen Ohr nicht die Fähigkeit besitzt, 
die Impulse der göttlichen Wahrheiten zu tragen?
Hz. Mevlâna Celaleddîn Rumî

Das Zuhören verleiht dem Wanderer gewisse Qualitäten. Wer zuhört, der schweigt. Wer schweigt, der beweist Anstand (Edep). Der Anstand verleiht dem Novizen die Fähigkeit, in der gesamten Schöpfung Gottes Namen zu erblicken. Wer Gottes Namen erblickt, der ist sich Seiner Qualitäten/Namen bewusst. Wer sich Seiner Qualitäten bewusst ist, der kleidet sich mit Seinen Namen ein gemäss dem Prophetenwort: "Takhallqû bi-Akhlâq Allah".

Der edle Qur'ân beschreibt in seiner berechtigten aber auch nicht nur dualistischen Lehrweise von denjenigen die den Propheten und Heiligen Gehör schenkten, und das Prädikat "Gläubige" verdienten, und denjenigen, die kein Gehör schenkten, als "die schlimmer sind als Tiere" (A'râf: 129).

Der Adept (Murîd) versteht das aktive Zuhören als die Empfängnis von göttlicher Barmherzigkeit. 
Der Dienst an den Pfad (tr.: yola hizmet) setzt das Zuhören voraus, gemäss dem edlen Qur'ân-Vers: 

 وَقَالُواْ سَمِعْنَا وَأَطَعْنَا غُفْرَانَكَ رَبَّنَا وَإِلَيْكَ الْمَصِيرُ
Und sie sprechen: »Wir hören und gehorchen. Schenke uns Deine Vergebung, unser Herr! Und zu Dir ist die Heimkehr!« (Bakara: 285)

Bemerkenswert ist: das Gehorsam setzt das Zuhören voraus. Das Gehorsam ist lt. des Bektaschi-Ordens der Dienst (tr.: hizmet), während im Gegenzug Himmet (Hohes Streben des Heiligen) empfangen wird. Das Gebot/Befehl des Meister (tr.: Mürşidin emri) ist in Wirklichkeit die Animation (tr.: özendirmek), um auf den Pfad voranzuschreiten.

Aber auch das Zuhören ist auf metaphysischer Ebene von Bedeutung.
Den Propheten wird durch das Gehör die Offenbarungen Gottes zuteil, wie folgender Vers belegt:
وَأَنَا اخْتَرْتُكَ فَاسْتَمِعْ لِمَا يُوحَى
Und Ich habe dich auserwählt (oh Moses). Höre, was geoffenbart wird! (TaHa: 13) 

Das Beispiel an Abraham [a.s.] zeigt, dass auch Gott der Hörende ist:

وَإِذْ يَرْفَعُ إِبْرَاهِيمُ الْقَوَاعِدَ مِنَ الْبَيْتِ وَإِسْمَاعِيلُ رَبَّنَا تَقَبَّلْ مِنَّا إِنَّكَ أَنتَ السَّمِيعُ الْعَلِيمُ
Und als Abraham und Ismael die Grundmauern des Hauses legten, (sprachen sie:) »O unser Herr! Nimm es von uns an. Siehe, Du bist der Hörende, der Wissende. (Bakara: 127)
 
Gott als der Hörende, nimmt in diesem Kontext unsere Gebete an. Wäre es dem Leser verwunderlich, wenn wir in diesem Kontext nun auf die Formel verweisen "Semi’allâhu limen hamideh." (Gott hört den, der Ihn lobt), welches im rituellen Gebet unmittelbar nach der Verneigungspostion ausgesprochen wird.

In seinen Schriften erklärt der Mystiker Muhyiddin Arabî, dass die Offenbarungen aus der Hakikat-i Muhammediyye mittels dem Erzengel Gabriel (welcher als Aql-i Muhammdiyye bezeichnet wird) in das Qalb-i Muhammediyye (Muhammedanisches Herz) gelegt wird. (siehe Prof. Dr. Mahmud Erol Kılıç, "Tasavvufa Giriş", S. 292, Verlag: Sufi Kitap) 
Aus den zitierten Qur'ân-Versen wird unmissverständlich klar, dass für die "göttliche Einkanalisierung" das menschliche Organ nämlich Ohr zuständig ist.

Imam Ali [a.s.] hat das Herz ist als "Ackerfeld" bezeichnet. In seinem Testament an seinen ältesten Sohn Imam Hassan [a.s.] sagte er: "Das Herz eines Kindes ähnelt einen unbeackertem Feld, welches all das annimmt, was man säät. Aus diesem Grunde habe ich Dich (oh Hassan) so früh erzogen , bevor dein Herz verhärtet [d.h. unempfänglich] wurde und bevor Du dich mit anderen Dingen beschäftigt hast." (Quelle Wasail a-Shia, Band 15, S. 197)

In der Alevî-Bektashî Tradition wird einem Baby an dessen 40. Tag in das rechte Ohr der Azan (Gebetsruf) und in das linke Ohr der Iqama (Gebetsaufruf) verlesen. Der 40. Tag gilt für ein Neugeborenes das Erreichen einer Vollkommenheit. Daher empfiehlt die Tradition, das Verlesen vollkommener Worte am 40. Tag. 

Abschließend möchten wir diesen Artikel mit einem nichtdetaillierten Beispiel aus der Alevî-Bektashî Tradition beenden. Die Disziplin des aktiven Zuhörens wird in bektaschitischen Konvents (tr.: Dergâh) praktiziert. Ein Dergâh ist eine spirituelle Schule, in der "Logenarbeiten" praktiziert werden. Eine jener Arbeiten stellt das "Mahl 'Alis" (tr.: Ali sofrası) dar. Hier wird unter der Leitung eines Babas oder zuletzt eines Derwisch's ein Lehrgespräch geführt, wobei auch gleichzeitig i.d.R. zu Abend gegessen wird. Die tatsächliche Nahrung ist jedoch das Wissen, welches der Baba lehrt. Da jedoch das Wissen keine Materie ist, sieht die Tradtion vor, das Wissen mit Verzehr von Nahrung zu lehren.
Auch dies hat seinen Ursprung bei Imam Ja'far as-Sâdiq [a.s.]. Der sechste Imam erläuterte den Qur'ân-Vers 
فَلْيَنظُرِ الْإِنسَانُ إِلَى طَعَامِهِ
"So betrachte der Mensch doch einmal seine Nahrung!" Abasa: 24
mit den Worten: "Der Mensch möge sich um das Wissen kümmern, welches er sich aneignet." Aus den Überlieferungen des Gottgesandten [s.a.a.] geht hervor: "Zweifellos ist der Qur'ân eine göttliche Nahrung. Sieht zu, inwiefern es in eurem Ermessen liegt, diese göttliche Nahrung zu sich zu nehmen."


Die Dekoration "Mahl Ali's" im Alevî-Bektashî Konvent in Hausen (Wied).

Die wirkliche Nahrung wird hier also durch das "Gehör" verzehrt.

Quellen: