Der Novize sollte allen religiösen Gewohnheiten folge leisten und ebenso die sekulären Gesetze achten. Der Bektaschi Pfad betont adab von Lebensbeginn bis zum Lebensende. Adab bewahrt dem Novizen davor seine [Pfads-]Geschwister zu beschämen und es lehrt ihm geduldig zu sein und zu vergeben. Adab wird den Zorn kontrollieren, wobei der Novize alles um der Gnade Gottes wegen aufgeben wird; so wie der Qur’ân spricht: "...die geduldig sind und gute Werke tun. Ihnen wird Vergebung und ein großer Lohn zuteil sein." [Sure 11:11] Wenn der Mensch einmal begonnen hat das geistige Erwachen in seinem Herzen zu erblicken, wird dieser dem adab einhalten.
Adab stattet den Novizen mit innerer Disziplin aus, womit er sich hindern kann anderen Menschen Unrecht zu tun. Er wird frei von Neid, Einbildung und vor allem Dingen von Versuchung. Er wird das Göttliche in allem sehen und wird in enormer Zufriedenheit verweilen. Er wird nicht nach den Fehlern anderer trachten, wohl jedoch wird er daran arbeiten die eigenen Makel zu beseitigen. Ohne anständigen adab wird kein Kandidat auf dem Bektaschi Pfad die Stufe der Perfektion erreichen.
Egoismus
Für das Bektaschitentum stellt der Egozentrismus die Schwachstelle des Menschen dar. Selbstsucht behindert den Fortschritt des Menschen auf seinem Wege zur Vortrefflichkeit.
Wer einmal unter Selbstsucht steht, wird keinen einzigen Schritt vorwärts machen können. Stets wird dieser in Dunkelheit verweilen und wird niemals das Licht erblicken. Die Selbstsucht wird ihm blind stimmen und in Wirklichkeit wird sich dieser niemals zum Menschen entwickeln. Ein Bektaschi Mystiker schrieb: „Wer nur sich selbst sieht, kann möglicherweise Gott erblicken.“ [Anm. Şems: Mit "möglicherweise" ist eine Ungewissheit gemeint.]
Egoismus ist für den Mensch das, was für einen Bären der Honig zu sein vermag. Es trennt den Menschen von dem Geist und führt ihn in die Dunkelheit und Arroganz. Deshalb ist es dringend notwendig [den Ego] zu dämpfen und sein Herz davon zu befreien. Wie der türkische Dichter Hatipoğlu schrieb:
I
ch zertrümmerte alles von meinem inneren Ego,
Nicht ein einziger Splitter davon blieb in mir übrig.
Schwester Iqbal Bajia schrieb:
Lasset uns unseren Ego aus unserer tiefen Seele verschwinden.
Lasset uns das Herz davon befreien, so dass Gott [im Herzen] Seinen Platz findet.
[linke Abb.: "Edep Ya Hû"]
Jami verfasste in seinem Werk Nafahat ul-’Uns:
Als eines Tages Sheykh Sa’duddin geritten ist, stoppte sein Pferd vor dem Überqueren eines Teichs und rührte sich keinen weiteren Zentimeter. Sheykh Sa’duddin begriff die Lage und befahl seinen Gefolgsleuten etwas Schmutz in den Teich zu werfen [damit der Teich trüb wird]. Daraufhin überquerte das Pferd Sa’duddins mit Leichtigkeit den Teich. Sa’duddin erklärte dies seinen Kameraden wir folgt: „Das Pferd wollte nicht den Teich überqueren, da es sich selbst im Teich erblickte. Erst als er sich selbst im Teich nicht mehr sehen begann, überquerte er den Teich. Dies gilt ebenfalls für den Menschen. Wenn dieser nur sich selbst sieht, kann er keinen Fortschritt auf dem Wege zur Vollkommenheit machen.“
Ein Mensch kann nicht den Schleier von seinen Augen heben, so lange sein Herz nicht vom Egoismus geläutert wird. Der Gläubige muss seine temporäre Existenz zurückweisen, um sein Ziel zu erreichen.
Der große Poet Isma’il Hakkı schrieb:
Oh Aşık [Gottliebender]! Falls Du wünschst den verborgenen Schatz zu entdecken,
So zerstöre deine Burg des Egos.
Nur dann wirst du im Stande sein dein Ziel zu erreichen.
Unsere verehrte Schwester Iqbal Bajia schrieb folgendes Gedicht nach ihrer Initiierung in den Bektaschi Orden:
In der Schari’ah wird gesagt: „Das ist meins und das da ist deins.“
Man ist voneinander getrennt.
In der Tariqah wird gesagt: „Es ist sowohl meins als auch deins.“
Wogegen in der Haqîqah ist es weder meins noch deins.
Sie gehören Ihm, der Wahrheit.
Denn dorthin werden gehen
Und alles hinter uns lassen,
Nur Er wird bleiben.
Der Gläubige sollte die Worte „meins“ und „deins“ zurückweisen.
Nur dann kann er mit der Liebe Gottes bereichert werden.
Der Poet Oğlu schrieb:
Verbrenne mich mit dem Feuer der Liebe!
Lass mich den Wein Gottes trinken!
Lösche alles egozentrische in mir
Und lasse nicht ein einzige Spur davon übrig
Nichts muss in mir übrig bleiben
Lass meine Seele mit Deiner Schönheit vereinen!
Wenn einmal der Berg der niederen Seele (nafs) zerbricht, kann der Mensch anfangen in die Ferne zu schauen. In diesem Zusammenhang wäre es vom Nutzen die Geschichte Moses’ und dem Berge zu erwähnen. Einmal bestieg der Prophet Moses den Berg Tur um mit Gott zu sprechen. Moses sagte: “Ich kann Deine Stimme hören, aber sehen kann ich Dich nicht.” Gott antwortete: “Sehen wirst Du mich nicht, aber schaue zum Berg. Wenn es immer noch still steht, so wirst Du mich erblicken!” [Sure 7:143]
Dann zerbröckelte der Berg durch die Kraft Gottes. Moses wurde mit Ehrfurcht überwältigt und fiel in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, weinte er: “ Und als er zu sich kam, sagte er: Gepriesen seiest Du, ich bereue zu Dir, und ich bin Erster der Überzeugten.” [Qur'ân, s. o.]
Gottes Antwort an Moses wurde auf verschiedene Weise interpretiert. Die Sufis behaupten, dass das Berg das Ego (nafs) symbolisiert.
Moses war nicht im Stande gewesen Gott zu erblicken ohne zuerst den inneren Berg des Egos zu beseitigen. Wenn erstmal der Mensch sich von seinen Begierden loslöst der Schönheit Gottes Willen, so wird sich sein Ego auflösen, worauf bald die Pracht des göttlichen Lichts sich durch ihm manifestieren wird.
Moses bat um Vergebung, und Gott wählte einen spirituellen Wegweiser (murshid), nämlich unseren Meister al-Khidhr, damit jener Moses auf dem inneren Pfade führt.

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